home mail me! RSS

Weltensiedler

Michel in Kamerun

Von einem, den ich ich nenne

Am 24. Juni, einem Tag, an den ich mich nur noch verschwommen erinnere, brachten mich einige Freunden, die es nicht mehr hatten mit ansehen können, ins Krankenhaus im Stadtteil Cité Verte von Yaoundé. Der einstöckige heruntergekommene Bau, an dessen Eingang den Besucher zwei massive, eiserne Torflügel begrüßen, verhielt sich anfangs ein wenig abweisend. Nachdem jedoch einer meiner Freunde mir mit einem Geldschein Eintritt verschaffen hatte, erklärte man sich bereit, mir ein Zimmer zu überlassen.

Ich selbst erinnere mich an diese Begebenheiten nicht mehr. Nachdem man mich im Vorzimmer abgelegt hatte und sich mit den anwesenden Ärzten stritt, muss ich weggetreten sein.

Ich war müde. Hatte keinen Geschmack und offene Wunden im Mund. Meine Bewegungen waren die eines achtzigjährigen Mannes und meine Finger zitterten vor Schwäche. Das Blut in meinem Körper verlor zusehends die natürliche Farbe und verflüssigte sich zu Wasser. Wenn Aids der Star unter den Krankheiten ist, die meine Heimat schütteln, dann ist Malaria der grau gekleidete Mann, den niemand kennt. Und er hält weit reichere Einfuhr.

In der Notaufnahme angekommen, forderte man 15.000 CFA von mir, um mit der Behandlung zu beginnen. Mir fehlte ein Drittel der verlangten Summe, sodass der Arzt sich weigerte mich zu untersuchen. Selbst auf die Versicherung hin, man würde das restliche Geld nachreichen, blieb er eisig und schrieb mit Rotstift in die aufgeschlagene Krankenakte „bien vouloir ne s’interesser au patient […] que s’il regularise ses factueres et paie son suivit.“, wonach man mich nur zu behandeln hätte, wenn das Geld vollständig vorläge.

Am nächsten Tag kehrte meine Tante mit Geld zurück und beglich entstandene Schulden. Auch hatte sie einige Mittel von Freunden zusammengeklaubt, dass ich dem Arzt übergab, er möge davon Medizin für mich kaufen. Bis zum Abend bekam ich für einen Teil dessen einen Tropf und Beruhigungsmittel. Doch bereits am Morgen lag ich mit brennendem Fieber nieder und reagierte nicht mehr auf die Forderungen der Krankenschwester nach weiterem Geld. Erst am Nachmittag konnte ich ihr erklären, dass ich mittelloser Student sei, aber den Chef des Krankenhauses persönlich kenne. Doch dieser war für einen Urlaub nach Europa abgereist und auf Nachfrage nicht zu erreichen, sodass mir eine weitere Behandlung verweigert wurde.

Als ich zwei Tage später erwachte, waren meine Schulden auf 60.000 CFA explodiert. Der Arzt hatte, entgegen eigener Aussage, interventioniert und mir mit Medikamenten das Leben für eine weitere Nacht erhalten. Ich zitterte und spukte Blut, das zunehmend dünnflüssiger wurde. Blutarmut, sagte die Krankenschwester hinter vorgehaltener Hand und nickte betrübt, jaja, Blutarmut, das ist offensichtlich. Der Arzt kam vorbei und informierte mich darüber, dass mein Gehirn nun von der Krankheit angegriffen würde. Die Sauerstoffzufuhr gestalte sich zudem schwierig. Ich hörte ihm zu und spukte Blut. Meine Mundhöhle hatte begonnen sich in eine Kraterlandschaft zu verwandeln.

In der Nacht durchliefen meinen gelähmten Körper leichte Zuckungen. Eine ‚Sonderbehandlung’ würde notwendig werden, runzelte der Arzt die Stirn und ob ich diese wolle. Die Kraft den Kopf zu schütteln war mir nicht mehr gegeben. Am Morgen des darauf folgenden Tages lag mein Körper ruhig auf der Bahre. Keine Krämpfe, kein Husten schüttelten ihn mehr. Nur ein dünner Faden rötlichen Speichels lief aus dem Mund und auf der Stirn standen noch immer Schweißperlen, die im Licht der kalten Neoröhren zu wunderschönen Edelsteinen gerannen. Die Schritte der vorbeieilenden Menschen hallten minutenlang nach und voller Staunen betrachtete ich noch einmal das Wunder, das sich Leben nennt. Und meinen mageren Körper, der lag und sich nicht rührte. Dem die Kraft entwichen war.

Dann schloss ich die Augen.

(Die Geschichte beruht auf wahren Begebenheiten.)

noch keine Kommentare »

Dein Kommentar

HTML-Tags:
<a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>