Ich sitze an einem Schreibtisch. Die Oberfläche ist abgewetzt, Flecken haben sich hinein gegraben. Von draußen klopft der Regen ans Fenster. Bäche fließen die Scheibe herab. Die ganze Welt atmet Feuchtigkeit. Die Regenzeit hat bald ihren Höhepunkt erreicht.
Bereits vor einem Jahr saß ich an dieser Stelle und ließ die Gedanken in Richtung der Alten Welt schweifen. Gerade in Afrika angekommen, von dem Eindruck der Fremdartigkeit überschwemmt, wollte ich durch Texte, Bilder und Gedanken eine Brücke zur Heimat aufschlagen. Schreiben und Gedanken fließen lassen. Mir selbst Afrika reflektierend erarbeiten. Für ein Jahr als FSJler in einer fremden, unverständlichen Kultur leben und denken. Über Afrika und über mich.
Nun, das Jahr ist vorbei. Zeit, Resümee zu ziehen.
Afrika und ich, ein Jahr der erziehenden Widersprüche.
In der Fremde ein Fremder.
Afrika ist eine Welt, die mir unverständlicher geworden ist, je länger ich in ihr weilte. Seien es die Menschen, die Gesellschaft, die Kultur. Afrika kann man weniger mit dem Kopf begreifen, als mit Herz und Bauch akzeptieren. Zuweilen handle ich wie ein Afrikaner, lache über Witze, die nur Afrikaner verstehen können, ärgere mich über Europäer, die großspurig und ohne Ahnung durch den Schwarzen Kontinent „touristieren”. Im Innern bin ich immer noch auf einer Reise. Auf einer Reise weg von Europa.
Wenn ich über die verlebte Zeit in den Landen der großen Sonne sinne, dann kann ich sagen, dass ich ein Gast war. Ein gerngesehener, aber ein Fremder, der für einige Zeit bei Einheimischen weilte. Das Gefühl in Afrika ohne eine gedachte zeitliche Begrenzung leben zu können, will sich nicht einstellen. Wenn ich auch eine Ahnung von der zyklischen Zeit der Afrikaner erhalten habe.
Afrika war erstens anders und zweitens als ich dachte.
Wer in die südlichen Lande fliegt, macht sich Gedanken darüber, welche Klischées stimmen mögen und welche verzerren. Man bastelt sich selbst ein Gedankenkonstrukt zusammen. Bestehend aus Landschaftsbildern, Natursendungen, bekannter afrikanischer Kunst. Aus fertigen Karikaturen und eigenen Wunschträumen. Doch all diese Gedanken und Ahnungen trügen. Denn Afrika ist nicht einmal annähernd so, wie man es sich erträumt, erhofft oder erfürchtet. Afrika ist „chaotisch und verwirrend, inspirierend und abstoßend, ja, friedlich und zugleich so wild, so urtümlich”. Es ist schlichtweg eigen.
Afrika hat meine Erwartungen nicht erfüllt.
Es hätte sie niemals erfüllen können.
Dafür gab es mir einen Eindruck mit auf den Weg. Einen belebenden. All die anderen Länder, von denen Kind träumt und die von Geschichten und Wunderbarem bevölkert sind, erstehen wieder. Doch dieses Mal konkreter und realer. Sie sind nun nicht mehr von Erzählungen belebt, sondern von Menschen. Sie sind greifbarer geworden. Vorstellbarer. … und bereisbarer.
Für mich hat sich die Erde erst in den vergangenen zehn Monaten gerundet. Afrika war mein erster, zaghafter Schritt über den Horizont.
„Afrika ist ein guter Ort um wieder auf den Boden der Tatsachen zu kommen, um zumindest anzufangen zu begreifen wie vielschichtig und unverständlich das Leben zuweilen ist.” Diesen Satz schrieb ich in dem Einleitungstext, der den Blog eröffnete. Mein Jahr in Kamerun nahe am Herzen Afrikas sei „eine Reise durch ein Land der Widersprüche, der immergrünen Tropenwälder, der vielen Enttäuschungen und der immerwährenden Hoffnung.” Seitdem hat sich die Welt ein ganzes Stück weiter gedreht. Meinungen haben sich geändert und manches ist klarer geworden, wenngleich das Rätsel „Afrika” bestehen bleibt. Empfand ich am Anfang noch Widerwillen gegen viele Dinge in Kamerun - seien es die Korruption, die Obrigkeithörigkeit, der Wunsch nach westlichem Konsum - so hat sich am Schluss schließlich ein Gefühl von mildem Respekt eingestellt. Kamerun ist auf einem Weg, der viele Fragen aufweist und wenig dem gleicht, was die westliche Welt für Afrika plant. Dafür verstehen Europa und Amerika zu wenig von der afrikanischen Mentalität, von Einödenvölkern und dem Wunsch sich aus einer gebückten, bettelnden Haltung zu erheben. Afrika, Kamerun, ist eine Welt, die der unseren oberflächlich ähnlich sieht. Doch im Innern trennen Meilen Weltsicht und Selbstsicht. Diesen tiefen Graben des Unverstehens ein Stück zu füllen, dem hatte ich mich ein Jahr lang verschrieben. Doch bereits bei der Eröffnung meines Blogs erkannte ich, dass … „Afrika [...] etwas [ist], das man nicht mit Worten beschreiben kann.” Und daran hat sich auch innerhalb eines Jahres nichts geändert.
Die Entscheidung, ob ich dennoch Erfolg hatte, bleibt Ihnen beschieden.
„Ooh, wie schön ist Panama!?”
In der Erzählung von Janosch „Ooh, wie schön ist Panama!?” begeben sich der kleine Bär und sein Kamerad, der kleine Tiger, auf eine Reise weg von ihrem Haus am Fluss. Sie suchen Panama, „das Land ihrer Träume”, „denn Panama riecht von oben bis unten nach Bananen”. So begeben sie sich auf die Wanderung und fragen hier und dort, aber niemanden, der es wissen könnte, wo sich dieses Panama befände. Nach links zeigt der eigens errichtete Wegweiser. Links müsst ihr gehen, bestätigt der Fuchs … und nach links, sinniert die Kuh, denn „rechts wohnt der Bauer, und wo der Bauer wohnt, kann nicht Panama sein.” Aber wer immer nach links geht, der irrt im Kreis herum und läuft dahin zurück, wo er hergekommen ist. Sie ziehen umher, erleben Abenteuer und lernen viele Leute kennen.
Wie den Hasen und den Igel.
„Kommt mit zu uns nach Hause.”, laden sie die müden Wanderer ein, „Ihr könnt bei uns übernachten. Wir freuen uns über jeden Besuch, der uns etwas erzählen kann.” Dort zu Hause dürfen der kleine Bär und der kleine Tiger auf dem gemütlichen Sofa sitzen. “So ein Sofa”, sagt der kleine Tiger, “ist das Allerschönste auf der Welt. Wir kaufen uns in Panama auch so ein Sofa, dann haben wir wirklich alles, was das Herz begehrt. Ja?”
„Ja”, sagt der kleine Bär. Und dann erzählt der kleine Bär den beiden Leuten den
ganzen Abend von Panama.
„Panama”, sagt er, „ist unser Traumland, denn Panama riecht von oben bis unten nach Bananen. Nicht wahr, Tiger?”
„Wir waren noch nie weiter als bis zum anderen Ende unseres Feldes”, sagt der Hase, „Unser Feld war bis heute auch immer unser Traumland, weil dort das Getreide wächst, von dem wir leben. Aber jetzt heißt unser Traumland Panama. Ooh, wie schön ist Panama, nicht wahr, Igel?” Der kleine Bär und der kleine Tiger dürfen auf dem schönen Sofa schlafen.
In dieser Nacht träumen alle vier von Panama.
Schließlich kommen der kleine Bär und der kleine Tiger an ein Haus, das am Ufer eines Flusses steht. Es ist ein wenig verfallen. Sträucher wachsen davor und das Dach müsste neu gedeckt werden. Aber ansonsten sieht dieses Haus genau so aus, wie ihr altes Haus, das sie verlassen hatten.
„Hier will ich bleiben”, entschließt sich der Tiger. Und so geschieht es.
Die Moral von der Geschicht’?
Der Tiger und der kleiner Bär waren aufgebrochen, die Heimat neu zu entdecken und lieben zu lernen. Und sie haben die Vorzüge eines Plüschsofas zu schätzen gelernt.
Nun, Afrika ist mein Panama.
Das Haus am Fluss Europa.
Das Schreiben mein Sofa.
… und es hat sich gelohnt.